Wie die Gaststubenbühne in den Astnersaal kam

ein kleines Stück Wörgler Kulturgeschichte

Die Gaststubenbühne Wörgl verdankt ihren Namen dem ersten Veranstaltungsort, in dem die nunmehr 38 Jahre währende Bühnengeschichte ihren Lauf nahm – der Stube des längst aufgelassenen Gasthof Aufinger. Mit Sigi Zimmerschieds hintergründiger und böser Polit-Farce Für Frieden und Freiheit startete 1986 eine kleine Gruppe hochmotivierter theater- und kulturbegeisterter junger Menschen aus einer spontanen Idee heraus ein Projekt, das seit nunmehr beinahe 4 Jahrzehnten Bestand und seinen festen, unverrückbaren Platz im Unterländer Kulturgeschehen hat. Angetrieben von den ersten Erfolgen wurde bald ein Verein gegründet und der Plan gefasst, weitere Stücke in Wörgl abseits der damals gängigen bäuerlichen Schwänke zu spielen.

Mangels einer eigenen Bühne wurde über viele Jahre in unterschiedlichsten Lokalitäten, Versammlungszentren und Tagungshäusern gespielt. Ab 1996 wurde für einige Jahre das neu errichtete Veranstaltungszentrum Komma genützt. Da die dortige Bühne aber mit einer Vielzahl anderer Veranstalter geteilt werden musste, wurde die Gaststubenbühne spätestens mit dem Plan, Michael Frayns Der nackte Wahnsinn mit seinen komplizierten Bühnenvorgaben zu inszenieren, vor praktische Herausforderungen gestellt, die in dieser Lokalität nicht mehr lösbar waren.

Eine sehr glückliche Fügung führte 2005 in den damals kaum benützten Astnersaal der Alten Post – eine Fügung, die, was damals noch niemand zu glauben gewagt hätte, zu einer 20 jährigen, eng verbundenen gemeinsamen Geschichte der Alten Post mit der Familie Silberberger und der Gaststubenbühne Wörgl geführt hat.

Plötzlich stand ein Saal mit einer einzigartigen Geschichte zur Verfügung, der es aufgrund seiner Größe, Höhe sowie der während der Proben- und Spielzeit ausschließlichen Nutzung ermöglichte, Bühnenbilder zu entwerfen und Stücke zu spielen, die sonst in der Regel großen Häusern vorbehalten waren. So konnten sich die Brandstifter in Biedermanns
Haus mit 10 Benzinfässern in einem „echten“ Dachboden einnisten, das Freudenhaus im Floh im Ohr hatte eine komplette Ober-Etage und die Kulisse von Die Firma dankt bestand aus über 6 Meter hohen, riesigen Stoffbahnen, die an überdimensionale Lamellen-Jalousien erinnerten und so den Protz des Firmengästehauses glaubwürdig darstellten. In Kaurismäkis Der Mann ohne Vergangenheit konnte eine Bühne auf der Bühne in Form eines riesigen drehbaren Kubus bespielt werden.

Die Einzigartigkeit dieses Saals und sein ganz besonderes Ambiente reizten unterschiedlichste Regisseure, mit der Gaststubenbühne zu arbeiten und besondere Ideen umzusetzen. Helmuth A. Häusler, Gaststubenbühnen-Urgestein, startete seine Schauspielkarriere nicht nur an dieser Bühne, wo er etwa in der Titelrolle von Hermanns Schlacht reüssierte, sondern inszenierte hier nicht weniger als 7 Stücke. Konrad Hochgruber schlug im Hofer-Jahr 2009 die Uraufführung der Groteske Das Hofer-Casting vor und inszenierte das Stück von Brigitte Knapp und Fabian Nemetz als grelle Farce. Gerhard Salchner errichtete für Petr Zelenkas Schrottengel eine auf riesige Stoffbahnen gedruckte
tschechische Plattenbausiedlung.

25 eigene Produktionen brachte der Verein seit dem nackten Wahnsinn vor 20 Jahren im Astnersaal auf die Bühne. Dazu kamen Kabarett-Abende, ein Theatergastspiel und Gaststubenkino-Aufführungen. Und irgendwann war klar, dass nach vielen Jahren der Gerüchte, des Bangens und des Hoffens nun, im Frühjahr 2025, tatsächlich die Zeit für die letzte Aufführung und den letzten Vorhang genommen ist.

Der Astnersaal wird Ende April 2025 seine letzte Theateraufführung erleben. Dafür sollten noch einmal alle Register gezogen werden. Stefan Bric brachte die wunderbare Idee, noch einmal einen der – wenn nicht den – größten österreichischen Dramatiker Ödön von Horváth und dessen vielleicht wichtigstes Werk Geschichten auf den Wienerwald als fulminanten Abschluss diesen so lieb gewonnenen Saales zu inszenieren.

Wenn auch die derzeitige Heimat der Gaststubenbühne, der geschichtsträchtige Astnersaal, selbst bald Geschichte sein wird, da das Haus einem Neubau weichen muss, so blicken die Bühne und der Verein mit ihren begeisterten und engagierten Mitgliedern doch in freudig positiver Erwartung einer spannenden Zukunft mit neuen Herausforderungen entgegen. Wo auch immer wir eine neue Heimat finden mögen, das bewährte Konzept der Gaststubenbühne  – die stete Offenheit für Neues – bleibt mit Sicherheit bestehen.

2 Gedanken zu „Wie die Gaststubenbühne in den Astnersaal kam“

  1. Es ist wirklich sehr schade, dass der Astnersaal als Theaterbühne bald Geschichte sein wird. Wir durften einzigartige Aufführungen von der Gaststubenbühne Wörgl in dieser einzigartigen location erleben! Diese besonderen Erinnerungen nehmen wir mit etwas Wehmut mit, dennoch freuen wir uns auf weitere Aufführungen der Gaststubenbühne Wörgl, wo auch immer diese stattfinden werden!

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    1. Danke, es war immer schön, wenn ihr uns in diesem unvergleichlichen Saal besucht habt. Und ein Besuch der Geschichten aus dem Wienerwald steht ja noch bevor. Und für die Zukunft: es geht weiter, wo auch immer …

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